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PARADISE L.: Aufbrüche wagen – Lebensrealitäten vernetzen – Entwicklungen begleiten

In Kooperation zwischen der Caritas Steiermark (Bereich Beschäftigung & Sachspenden), dem AAI Graz und der KHG Graz wird ein partizipatives Projekt umgesetzt – an einem Ort, der auf den ersten Blick nicht besonders kirchlich anmutet, auf den zweiten Blick allerdings gerade deshalb zum Ausdruck bringt, was es heißt, Kirche in der Welt von heute zu sein.

Auf dem Schreibtisch liegt ein Cartoon Gerhard Mesters: Schräg über das Bild zieht sich von rechts oben nach links unten ein schwerer, roter Teppich; aus genau entgegengesetzter Richtung kommend – also von links oben in nur leichter Schrägung nach rechts unten führend –, sind die Fußspuren eines einzelnen Menschen sichtbar. Sie durchkreuzen den ausgelegten roten Teppich, der gleichsam das Zentrum bildet, an der kürzestmöglichen Stelle. Der Cartoon verrät auch, wer diese Spuren hinterlassen hat: ein sich noch immer im Gehen befindlicher Papst Franziskus. Sofort fallen einem die Besonderheiten seiner Darstellung ins Auge: die weiße Soutane und das Scheitelkäppchen (Pileolus) werden ergänzt durch ein Brustkreuz (Pektorale) und einen Bischofsstab (also einen Krummstab). Die päpstlichen Insignien – Fischerring, Mitra, Kreuzstab – fehlen. Die Gesichtszüge wirken freundlich, es scheint, als spitzte er die Lippen. Pfeift er ein fröhliches Lied vor sich hin?

Die Illustration kann als eine (zugespitzte) ins Bild gefasste Konfrontation zweier konträrer Kirchenbilder gelesen werden. Konzentrieren wir uns auf jenes, das mit der Gestalt des Papstes und seinen Fußspuren in Szene gesetzt wird: Es zeigt eine Kirche, die sich jenseits bereiteter Pfade (hier: jenseits des roten Teppichs) in Bewegung gesetzt hat und nach wie vor unterwegs ist – zielstrebig, bewusst, unprätentiös, freundlich. Eine Kirche, die neue Pfade einschlägt und damit zur Wegbereiterin wird. Ein nicht messbares Wegstück ist bereits zurückgelegt; offen ist, wohin der Weg noch führen wird. Vielleicht ist dieses Bild einer Kirche, wie sie auch sein könnte und sollte, im Moment die beste aller Möglichkeiten um vorzustellen, was es mit PARADISE L. auf sich hat; denn in gewisser Weise kann das mit 23. September 2017 offiziell gestartete und vorerst auf eine Laufzeit von zwei Jahren beschränkte Projekt als eine Realisierung dieser soeben in aller Kürze charakterisierten Imagination gelten.

 PARADISE L.

In Kooperation zwischen der Caritas Steiermark (Bereich Beschäftigung & Sachspenden), dem Afro-Asiatischen Institut und der Katholischen Hochschulgemeinde Graz wird ein partizipatives Projekt umgesetzt – an einem Ort, der auf den ersten Blick nicht besonders kirchlich anmutet, auf den zweiten Blick allerdings gerade deshalb zum Ausdruck bringt, was es heißt, Kirche in der Welt von heute zu sein:

Ein früher verschlossenes Gartengrundstück am Eingang der vor Lebendigkeit nur so strotzenden Zinzendorfgasse bildet als Kommunikations- und Begegnungsort den geografischen Mittelpunkt des Projekts. Mitten im Universitätsviertel wird ein Binnenraum geöffnet und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Offen und ungeschützt präsentiert sich der Ort – eine Vertrauenszusage an alle PassantInnen, mit der Kirche das Wagnis eingeht, nicht nur sprichwörtlich, sondern ganz konkret etwas von sich herzugeben. Durch diese Öffnung – und der damit einhergehenden Entfernung des Gartenzaunes – wird deutlich, wie exponiert der Standort der sich im Hintergrund befindlichen Kirche Maria Himmelfahrt am Leech ist.

Mit dem Hinweis auf die Öffnung ist auch schon etwas Wesentliches über PARADISE L. ausgesagt: Es handelt sich um den Versuch, angesichts vielfältiger ambivalenter oder negativer menschlicher und gesellschaftlicher Grundbefindlichkeiten ein selbstbewusstes, optimistisches (doch nicht naives!) Zeichen zu setzen: ein Zeichen für Solidarität, Nachhaltigkeit und Partizipation; ein Zeichen einer gegenwartsfähigen Kirche mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit unserer Welt. PARADISE L. ist der Versuch, den einzelnen Menschen in seiner Eigenverantwortung wahr- und ernst zu nehmen. Denken und Handeln sollen miteinander verbunden, Handlungsspielräume reflexiv und tätig ausgelotet werden, wobei der erste Schritt sehr bewusst von der Kirche – also von Initiativen, die KHG, AAI und Caritas setzen, – ausgeht.

Damit soll experimentell erprobt werden, was Papst Franziskus in seinem ersten Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium formuliert: „Es geht darum, Handlungen zu fördern, die eine neue Dynamik in der Gesellschaft erzeugen und Menschen sowie Gruppen einbeziehen, welche diese vorantreiben, auf dass sie bei wichtigen historischen Ereignissen Frucht bringt. Dies geschehe ohne Ängstlichkeit, sondern mit klaren Überzeugungen und mit Entschlossenheit (EG 223).“

In diesem Sinne ist PARADISE L. auf die Spannung von Schöpfung, also geschenkter Natur und Umwelt, Neuschöpfung und menschlicher Verantwortung ausgerichtet. Umweltethische Fragen und solche nach einem gelungenen sozialen Miteinander werden auf vielfältige Weise thematisiert und bearbeitet. Begriffe der christlichen Tradition, die im Alltag (mit freilich völlig anderen Konnotationen) eine nicht unerhebliche Rolle spielen – z. B. Paradies, Schöpfung, Person – werden theologisch und philosophisch reflektiert bzw. reformuliert und in ihrem spezifischen Sinngehalt in die Gesellschaft eingespielt und zur Diskussion gestellt. Vor diesem Hintergrund soll im Rahmen des kooperativen Projekts PARADISE L. mitten im Grazer Univiertel Raum für einen Diskurs um ausgewählte sozial- und umweltethische, aber auch theologische Aspekte geschaffen werden.

Kirche vor Ort

Den Bezugsrahmen für ein solches Engagement bilden die Dimensionen: Kirche vor Ort, das Paradies als individueller und kollektiver Sehnsuchtsort oder Utopie, Schöpfungsverantwortung, Nachhaltigkeit, Arbeitsmarkt/Ausbildung/Arbeitslosigkeit. PARADISE L. unternimmt Antwortversuche auf die Frage, welche Beziehungen zwischen diesen Dimensionen denkbar sind. Kirche soll als ganz konkrete Mitgestalterin an ganz konkreten Orten zu ganz konkreten Themenfeldern erlebbar werden. Dabei wird bewusst auf soziales, gesellschafts- und umweltpolitisches Bewusstsein und Engagement gesetzt, indem vor dem Hintergrund christlicher Werthaltungen eine Konfrontation studentischer und universitärer Lebensrealitäten mit den Themen Arbeit & Arbeitslosigkeit, Konsum- & Wegwerfgesellschaft, Verteilungsgerechtigkeit und Bewahrung der Natur stattfindet. Die Schaffung von Bewusstsein für den Mehrwert gesellschaftlichen Zusammenhalts gerade angesichts unterschiedlicher Lebensrealitäten, die Pflege eines nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen bzw. einer nachhaltigen Lebensweise, die Entwicklung eines Verständnisses für gesellschaftspolitische Zusammenhänge und die Ermöglichung und Begleitung vielfältiger Beziehungen zählen zu den zentralen Zielsetzungen des Projekts. Kirche vor Ort fungiert hierbei als Drehscheibe für Kooperationen und Vernetzung sowie als Ideen- und Innovationsplattform. Jede/r wird aufgerufen, gesellschaftspolitische Verantwortung und auch Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Dementsprechend soll es neben kognitiven, diskursiven Formaten auch um ein gemeinsames Tun gehen: Studierende und Personen, die in Beschäftigungsprojekten der Caritas für Menschen, die am Arbeitsmarkt benachteiligt sind bzw. denen es schwer gelingt, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, angestellt sind, sollen in Workshops gemeinsam Möbel upcyclen. Auch andere Workshopformate laden zu einer ganzheitlichen Auseinandersetzung mit Natur und der Verwertung bereits benutzter Gegenstände ein; wiederum andere Angebote ermöglichen intergenerationelles Lernen, die Allmende Leech wird weiterhin gemeinschaftlich bewirtschaftet und fungiert gemeinsam mit dem nun öffentlich zugänglichen Vorgarten der Zinzendorfgasse 3 auch als Erholungsraum – das Auftanken von Leib und Seele ist explizit erwünscht. Darüber hinaus stellt das ReUse-Café paul@paradise, das im Kontext eines Beschäftigungsprojekts betrieben wird, einen tragenden Grundpfeiler dieses Projekts dar.

PARADISE L. setzt auf den Wert multiperspektivischer Kooperationen: zielgruppenorientiertes Arbeiten, praxiszentrierte Workshops, wissenschaftlich fundierte und realitätsgesättigte Reflexionsformate dienen dazu, theologische, gesellschaftspolitische und humanwissenschaftliche Perspektiven wechselseitig aufeinander zu beziehen. Wer sich aktiv in die Gestaltung der Gesellschaft einbringen will, soll die Möglichkeit für einen sinnvollen Austausch auf Augenhöhe nützen: Studierende und Arbeitssuchende, kirchliche MitarbeiterInnen und Gewerbetreibende, alte und junge Menschen, verschiedene diözesane Einrichtungen, nicht-kirchliche Einrichtungen und Unternehmen. So kann die Konfrontation verschiedener Lebensrealitäten und -erfahrungen zu einem (temporären) Lernraum werden, in den man sich – je nach Bedürfnis- und Interessenslage – punktuell oder langfristig einbringen kann.

Fürs Erste bleibt eine Frage: Was bringt’s den Beteiligten?

Den TeilnehmerInnen sollen persönliche Lernerfahrungen und die Vertiefung ihrer sozialen Kompetenzen möglich werden; gesellschaftlicher Zusammenhalt soll durch die Konfrontation verschiedener Lebensrealitäten gestärkt werden, indem gegenseitiges Verständnis für die/den jeweils Andere/n erarbeitet wird; die TeilnehmerInnen sollen Lernende und Lehrende sein; in der Bearbeitung von Naturmaterialien oder Gebrauchsgegenständen sollen im Alltag leicht umsetzbare Ideen für einen sensiblen Umgang mit Ressourcen entwickelt werden; die beteiligten Organisationen sollen durch und mit den TeilnehmerInnen lernen, was es heißt, als Kirche vor Ort so präsent zu sein, wie es nötig ist.

Vielleicht gelingt es mit PARADISE L., neue Wege zu beschreiten, indem Kirche verstärkt im alltäglichen Leben der Menschen präsent ist, den Menschen unaufdringlich nachgeht und sich als gesellschaftliche Gestaltungskraft ins Spiel bringt: unprätentiös, vertrauend, zuversichtlich, reflektierend und achtsam – womit der Blick wieder zurück auf den eingangs beschriebenen Cartoon fällt.

Von Christine Rajič & Stephanie Graf